Stille Nacht…
Missmutig saß der alte Bauer Hinnerk auf der Bank am Ofen und schaute durchs Fenster. Es regnete in Strömen, und seine Stimmung war alles andere als weihnachtlich. Für ihn war der Heilige Abend ein Tag wie jeder andere. Wie immer hatte er das Vieh versorgt und Holz für den alten Ofen hergerichtet.
Seufzend erhob er sich und ging mit schlurfenden Schritten zum Fenster. Mit einem Ruck zog er die Vorhänge zu und griff nach der Tageszeitung. Nachdenklich vertiefte er sich in den Sportteil.
Aus dem Radio ertönte ein Weihnachtslied, doch Hinnerk hörte die hellen Stimmen des Kinderchores nicht.
„Süßer die Glocken nie klingen…“
Während die Bäuerin die vierte Kerze am Adventskranz anzündete, summte sie leise die Melodie mit. Dann holte sie eine große Schüssel aus der Anrichte und stellte die Zutaten für den Weihnachtsstuten bereit. Mit flinken Händen knetete sie aus Mehl, Butter, Eiern und duftenden Gewürzen einen Teig.
„Wenn wir später nach Hause kommen, können wir den Stuten anschneiden“, sagte Meta und wandte sich nach dem Bauern um. Hinnerk blickte kurz von seiner Lektüre auf und griff nach einem der Honigplätzchen, die in einer Schale vor ihm auf dem Tisch standen.
Nur kurz streifte sein Blick den Tannenbaum, der im hinteren Teil der Stube stand und darauf wartete festlich geschmückt zu werden.
Längst war es dämmerig geworden. Das trübe Licht der alten Straßenlaternen schien durch die geschlossenen Vorhänge und warf lange Schatten auf die Bretter des Holzfußbodens.
„Du solltest dich umziehen Hinnerk, die Christmesse fängt gleich an.“
Die Bäuerin band ihre Schürze ab und schob den Stuten in den Backofen.
Sie legte noch einige Holzscheite nach und schaute zu ihrem Mann hinüber. Hinnerk seufzte, schob die Zeitung beiseite und erhob sich.
„Du kommst noch früh genug in die Kirche“, murmelte er, warf seiner Frau einen mürrischen Blick zu und ging hinüber in die Schlafkammer.
Meta schüttelte den Kopf. Sie verstand den Bauern nicht mehr. Er hatte sich in den letzten Jahren zu einem alten Brummbär entwickelt, der oft missgelaunt war. Sie hatte es wirklich nicht leicht mit ihm, nichts konnte sie im Recht machen.
Dabei war ihr Mann früher ein fröhlicher Mensch gewesen. Häufig kamen Bauern aus der Nachbarschaft zu einem Schwätzchen vorbei, man wusste, bei Hinnerk gab es den besten Korn weit und breit.
Schon oft hatte Meta überlegt, welches Ereignis ihren Mann so verändert haben könnte. Er hatte sich vor einigen Jahren heftig mit seinem älteren Bruder gestritten, aber Hinnerk war nun mal ein Hitzkopf, das wusste auch sein Bruder. Solche Streitereien kamen unter Geschwistern ab und zu vor.
Der Bauer war inzwischen aus der Schlafkammer gekommen, hatte sich auf die Ofenbank gesetzt und zog nun seine Stiefel an. Die Bäuerin legte Schal und Handschuhe bereit. Dann nahm sie ihre Handtasche von der Garderobe und öffnete die schwere Dielentür.
Stumm gingen sie neben einander her. Auf dem Kopfsteinpflaster hatten sich große Pfützen gebildet. Noch immer war der Himmel nebelverhangen und kein einziger Stern war zu sehen. Nur langsam schob sich der Mond hinter einer Wolke hervor und erhellte mit seinem milden Schein die dunkle Christnacht.
Es war schon spät, als Hinnerk und seine Frau schließlich den schmalen Kiesweg zur Kapelle hinauf schritten.
Die meisten Kirchenbesucher hatten bereits ihre Plätze eingenommen. Hinnerk fand gerade noch zwei freie Stühle in der hintersten Reihe der festlich geschmückten Kirche. Zwei große Tannen, mit roten und goldenen Kugeln verziert, standen neben dem Altar. Flackernde Kerzen tauchten den Raum in ein unwirkliches Licht. Der Schulchor sang „Oh du fröhliche…“ und der Pastor predigte von Nächstenliebe und Rücksichtnahme.
Die Bäuerin faltete ihre Hände zum Gebet, während Hinnerk den Kopf senkte und seine Hände an die Schläfen legte. Mit finsterer Mine starrte er vor sich auf den Boden. Sollte der Pastor doch reden… Hinnerk wusste es besser, es gab keine Nächstenliebe mehr unter den Menschen. Für ihn hatte das Weihnachtsfest seine Bedeutung verloren.
In seinem Herzen trug er nur noch Verbitterung…
Der Wind war eisig, als der Bauer und seine Frau einige Zeit später das Gotteshaus verließen. Die Bäuerin zog ihre Handschuhe an und ging rasch einige Schritte die Straße hinunter. Die Messe hatte länger gedauert als gewöhnlich, sie musste unbedingt nach dem Stuten schauen. Ungeduldig sah sie sich nach ihrem Mann um.
Der Bauer stand noch immer an der Kirchentür und blickte angestrengt zum Wald hinüber.
„Komm Hinnerk“, sagte Meta leicht gereizt „wir müssen den Stuten aus dem Ofen holen, er brennt sonst an.“
Doch Hinnerk reagierte nicht. Stumm stand er da und starrte zum Wald hinüber. Endlich drehte er sich langsam um, und sah seine Frau nachdenklich an.
„Geh schon vor“, sagte er leise „ich komme gleich nach. Ich habe noch etwas zu erledigen.“
Die Bäuerin schüttelte verständnislos den Kopf. Zögernd machte sie sich auf den Heimweg.
Der Bauer steckte seine Hände tief in die Taschen seines Mantels und zog den Hut in die Stirn. Schnellen Schrittes ging er auf den Wald zu. Er spürte den kalten Wind nicht, der ihm die Tränen in die Augen trieb. Sein Blick war starr auf einen unsichtbaren Punkt in der Ferne gerichtet. Erst als plötzlich vor ihm eine schmale Brücke aus dem Nichts auftauchte, blieb er stehen.
Unsicher betrat er die knarrenden Holzbohlen, die unter seinem Gewicht leicht schwankten. Das morsche Geländer ächzte bei jedem seiner Schritte.
Er war diesen Weg schon sehr oft gegangen, aber an eine Brücke, die über einen Weg führte, konnte er sich nicht erinnern.
Beunruhigt sah er sich um. Kein Mensch war weit und breit zu sehen, auch die hellerleuchtete Kirche mit ihren kupfernen Türmen war verschwunden. Langsam ging er weiter. Immer tiefer in den Wald hinein…
Seine Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, aber dennoch sah er die alte, baufällige Bauernkate erst, als er unmittelbar vor ihr stand. Ebenso wie die Brücke war sie aus dem Nichts vor ihm aufgetaucht.
Durch eines der Fenster fiel ein schwacher Lichtschein, und Hinnerk trat zaghaft näher. Vorsichtig späte er durch das trübe Glas des Fensters.
Er erblickte eine ärmlich eingerichtete Stube, die nur vom lodernden Feuer des Kamins erhellt wurde. Am Tisch, mit dem Rücken zum Fenster, saß ein alter Mann, der den Kopf in seine Hände gestützt hatte. Etwas an der Haltung des Alten kam Hinnerk bekannt vor, aber er konnte nicht sagen, was es war.
Sein Herz klopfte heftig, und auf seiner Stirn sammelten sich Schweißtropfen.
Er wusste ganz genau, dass es in dieser Gegend keine Bauernkate gab. Auch eine Brücke hatte er hier noch nie gesehen. Was hatte das alles zu bedeuten?
Erschöpft lehnte er seine Stirn an die kühle Fensterscheibe und starrte ins Innere des Hauses.
Der alte Mann hatte sich inzwischen von seinem Stuhl erhoben und ging gebückt zur Feuerstelle. Sein Rücken schien sehr zu schmerzen, denn immer wieder blieb er stehen und verschnaufte. Dann legte er etwas Holz in den Kamin, drehte sich langsam um und kam auf das Fenster zu.
Hinnerk erschrak. Taumelnd trat er einen Schritt zurück und lehnte sich schwer atmend gegen die Hauswand.
„Das kann nicht sein…“, murmelte er immer wieder. „Nein, das kann nicht sein…“
Stöhnend legte er beide Hände auf sein Herz. Seine Gedanken drehten sich im Kreis. War das alles nur ein Traum?
Bestimmt würde er gleich aufwachen und vergessen was er gerade gesehen hatte.
Doch Hinnerk träumte nicht…
Schweißüberströmt stand er vor dem Fenster der alten Kate und blickte auf den Mann, der durch die verschmutzten Scheiben in die Dunkelheit starrte, Hinnerk aber offensichtlich nicht sah. Der Bauer konnte das alles nicht verstehen. Das Haus und die Brücke gab es nicht wirklich, und auch der alte Mann, den er sehr wohl kannte, hatte in dieser elenden Hütte nichts verloren. Offensichtlich war der Alte schwer krank und schon sehr alt…
Warum lebte er hier, in dieser baufälligen Hütte?
Plötzlich fiel Hinnerks Blick auf einen vergilbten Kalender an der Wand der Stube. Auf dem Kalenderblatt stand ein Datum - 24. Dezember 2030.
Und plötzlich wusste der Bauern warum er hier war.
Das was er hier scheinbar sah – war die Zukunft – die Zukunft seines Bruders. Denn er war der alte, kranke Mann in der Bauernkate. Hinnerk zerriss es das Herz.
Er dachte an den hässlichen Streit vor vielen Jahren. Es war höchste Zeit sich endlich mit seinem Bruder zu versöhnen. Viel zu lange hatte er diese Last mit sich herum getragen.
Heute war Weihnachten, das Fest der Liebe. Meta hat sicher nichts gegen einen Gast einzuwenden, dachte Hinnerk und setzte seinen Hut auf.
Als er sich umwandte, um noch einmal durch das Fenster zu schauen, war die alte Bauernkate verschwunden. Dort, wo noch vor wenigen Minuten eine baufällige, windschiefe Hütte stand, hatte der andauernde Regen den schweren Waldboden vollkommen aufgeweicht und in eine Morastlandschaft verwandelt. Verwundert stand der Bauer am Waldrand und blickte sich suchend um. Nicht weit entfernt schloss der Pastor gerade die Eingangstür der kleinen Kapelle und die letzten Kirchgänger machten sich auf den Heimweg.
„Frohe Weihnachten, Hinnerk“, sagte der Pastor und winkte zu ihm herüber.
Der Bauer erwiderte den Gruß freundlich. Ungläubig überquerte er den Kirchplatz und beobachtete das rege Treiben um ihn herum.
Im Schein der Straßenlaterne glitzerte das nasse Kopfsteinpflaster wie flüssiges Silber. Der Regen hatte aufgehört und der Wind legte sich. Die dunklen Wolken rissen auseinander und machten einem sternenklaren Nachthimmel Platz.
„Hinnerk, so komm doch endlich. Was stehst du denn hier herum? Der Stuten brennt an.“
Die Bäuerin kam ungeduldig auf ihn zu und zupft an seinem Ärmel.
Lächelnd legte der Bauer seinen Arm um die Schultern seiner Frau und sagte leise:
„Wir müssen noch einen kleinen Umweg machen. Ich kenne da jemanden, der sich bestimmt über einen Besuch freut. Unser Weihnachtsstuten reicht doch auch für Drei.“
Die Bäuerin drückte Hinnerk fest die Hand, und eine Träne der Freude lief über ihre runzeligen Wangen.
Sie wusste genau, wem der Bauer einen Besuch abstatten wollte.
Später, als drei glücklichen Menschen vor dem Kaminfeuer saßen und von früheren Zeiten sprachen, begann es sachte zu schneien. Dicke, weiße Schneeflocken taumelten vom Himmel und überzogen die Landschaft mit einer Decke aus Zuckerwatte. In der Küche duftete es nach frischem Stuten und Glühwein, die Bäuerin zündete die Kerzen am Weihnachtsbaum an und im Radio sang ein Kinderchor:
„Stille Nacht, heilige Nacht…“
Helga Licher







Stille Nacht…
Eine wirklich sehr schöne, anschaulich geschriebene Geschichte.
Als Leser taucht man in das alte Bauerndorf ein, fühlt die Atmosphäre,
welche die Weihnachtzeit ausmacht. Eine Geschichte die zum Nachdenken auffordert, die einen über den eigenen Schatten springen lässt.
“Die Weihnachtsgeschichte” aus einer anderen Sicht.
Klasse.
Ein sehr anrührende Geschichte. Passt wunderbar zur Weihnachtsstimmung !
Eine sehr gelunge Weihnachtsgeschichte finde ich. Würde gern mehr davon lesen..
Eine schöne Geschichte, die uns doch daran erinnert, dass Weihnachten ein Familienfest ist und das man über alles vernünftig reden kann.
Eine sehr schöne Geschichte wie ich finde. Schön wenn es nach Jahren so ein Happy End gibt…
Rathsmann, Monika 19. November 2010
Eine sehr schöne Geschichte, die in die Weihnachtszeit passt.
Eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt. Wunderbar geschrieben.
Wirklich sehr gelungene schöne Geschichte….gern mehr davon!!
Eine Geschichte, die mir gut gefällt.
Ich würde mir wünschen, dass es in der heutigen
Zeit mehere Menschen wie “Hinnerk” geben würde.
Eine gelungene Geschichte, die deutlich macht, wofür Weihnachten wirklich steht und den Zauber der Weihnachtszeit kunstvoll einfängt.
Eine sehr schöne Geschichte, die zu Herzen geht und nachdenklich stimmt.
Da bin ich doch mal wieder ganz begeistert von deiner
Geschichte, nur schade, dass sie so kurz ist.
Immer weiter so….
Was für eine wunderschöne Geschichte! Da möchte man doch gleich loseilen, um jemandem etwas gutes zu tun oder etwas nettes zu sagen.
Eine wunderschöne Weihnachtsgeschichte, die gleich die Vorfreude auf Weinachten steigert. Schön geschrieben und man wünscht sich sie sei länger! Toll! Bin gespannt auf Neues!
Tolle Geschichte, die macht richtig Lust auf Weihnachten…
Ich hoffe es gibt bald mehr davon =)
Sehr nett geschrieben!
Wunderschöne Geschichte.
Da bekommt man doch gleich Lust auf Schnee und Kaminfeuer.
Freude beim Lesen!
Eine sehr nette Geschichte meiner Meinung nach.
Prima.. ich würde gerne mehr davon lesen
Eine echte Weihnachtsgeschichte! Denn das ist Weihnachten: Frieden, Vergebung, Menschlichkeit – nicht große Geschenke……
Diese gelungene Weihnachtsgeschichte sagt viel aus.
Man spürt förmlich die menschliche Wärme.
Einfach super!